Diagnose Schriftsteller – Sie sind unter uns!

Nach dem kleinen – nicht ganz ernst gemeinten – Schocker von heute Morgen will ich euch mal mit einem etwas ernst gemeinten Beitrag entschädigen.

Es geht um eine kleine, vielleicht provokative, These. Ich frage mich schon seit längerem, ob (wir) Schriftsteller eigentlich allegeisteskrank sind.

Ja, ich meine es genau so. Wir schreiben über Konflikte, in denen Menschen leiden, ja sogar zu Tode kommen. Wir bringen sie in Gefahr, lassen sie alles in ihrem Leben verlieren und manche gehen sogar so weit, sie dann auch noch drauf gehen zu lassen.

Wie krank muss man eigentlich sein, sich so etwas auszudenken. Und noch kranker, dass man das wirklich ausformuliert und eine zusammenhängende (Leidens)Geschichte daraus macht, die über tausende von Wörtern beinhaltet. Das steigert sich dann regelrecht, bis es Ausartet.

Mit welchem Sadismus muss man ausgestattet sein, dem unschuldigen Kind die Eltern zu nehmen, wie wahnsinnig, einen Diktator zu ersinnen, der eine ganze Welt unterdrückt und die Menschen in Leid und Elend dahinvegetieren lässt. Wie unfassbar verdorben und pervers muss man sein, wenn der Serienvergewaltiger sich das nächste unschuldige Mädchen vornimmt, missbraucht und verstümmelt.

Ich sage: „Leute, kommt mal klar. Damit muss man doch zum Psychologen gehen.“. Mal ganz im ernst. Das ist wirklich eine sehr ernst zu nehmende Sache. Der Schriftsteller scheint sich in einen gemeingefährlichen seelischen Zustand zu befinden, einer tickenden Zeitbombe gleich, die jederzeit hochgehen kann, um eine neue Geschichte (welch ein Euphemismus angesichts dessen, was da so herbeifantasiert wird!) in die Welt zu erbrechen. Da kann einem doch nur schlecht werden.

Aber jetzt kommt es noch einmal ganz dicke. Diese psychopathischen Hirngespinste werden auch noch gefeiert und an ein jubelndes Publikum verkauft, welches geradezu besessen auf die nächste Veröffentlichung wartet. Wie Drogenabhängige warten diese „Leser“ auf ihren Lesestoff, um High zu werden. Und dafür zahlen sie auch noch Geld.

Ich weiß ja nicht, wie ihr das so seht, aber ist das nicht mehr als nur bedenklich? Geht euch da kein eiskalter Schauer über den Rücken? Jeder könnte ein Schriftsteller sein und ihr wisst es nicht einmal. Der freundliche Nachbar von nebenan, das schüchterne Mädchen aus der Parallelklasse. Selbst euer Arbeitskollege oder euer Ehepartner! Man stelle sich das vor, man wache eines Tages auf und neben einem liegt ein Schriftsteller.

Bei dem Gedanken muss einem doch angst und bange werden. Also haltet die Augen auf nach den Schriftstellern. Denn sie lauern wirklich überall!

 

So, nun atmen wir erst einmal tief durch.

 

Na gut, ich gebe es zu, es war nicht ganz so ernst, wie ich anfangs vollmundig behauptet habe. Trotzdem finde ich, dass da etwas wahres dran ist. 😉

Wie seht ihr das? Muss man als Schriftsteller schon ein wenig verrückt sein? Vielleicht sogar sadistisch veranlagt sein, wenn man seine Protagonisten so viel erleiden lässt? Oder ist es im Grunde sogar eine Therapie an sich selber, wenn man nach all den Widerständen und dem Leid, dass der Charakter erfahren musste, am ende dann trotzdem am Ende gewinnt?

Oder doch die große Verschwörung der Schriftsteller?

Wer weiß, wer weiß! 😉

 

Advertisements

18 Kommentare zu „Diagnose Schriftsteller – Sie sind unter uns!“

  1. Ich bin und wenn ja, wie viele? Gab ein gutes Buch dazu. 😉 Wenn der Herr man sich melden darf, lt. Quantenphysik bestehen wir ja gar nicht aus einem Koerper sondern ganz vielen Teilchen … also wer stimmen hört – bei dem sind halt nur die Teilchen locker 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Hmm … interessante Gedanken und ähnliche Gedanken habe ich mir auch schon (v.a. in letzter Zeit) gestellt.

    So nebenbei immer anderen beim Schreibprozess zugehört/mitgelesen, da ging es immer nur darum, möglichst viel Gewalt/Folter („Kennt ihr gute Foltermethoden?“)/Sex etc. pp. zu finden, um die Protagonisten zu quälen. Nun ja … mein Gesichtsausdruck glich dann oft gewissen Internet-Memes, aber man fragt sich dann doch: Ist das wirklich notwendig? Muss das sein, um a) eine gute Geschichte zum verkaufen haben (ist das eine gute Geschichte?) oder ist das b) tatsächlich als Kompensation zu sehen?
    … bei mir ist Schreiben eine Art Kompensation.
    Aber nicht für Exzesse jeglicher Art.
    Das wissen meine Charaktere schon zu verhindern.

    Gefällt 1 Person

    1. Ach so ein klitzekleines Bisschen Gewalt geht doch klar, oder? 😛
      Nun ja, es steckt vielleicht in manchen mehr drin als in anderen. Oder wir brauchen in unserer zivilisierten Welt manchmal einfach dieses brutale archaische, das sonst nicht sein darf. Wer weiß…?

      Gefällt mir

  3. Interessant, mir gehen ähnliche Gedanken immer wieder mal beim Schreiben durch den Kopf. Im Alltagsleben muss ich schon immer mit Absicht wegsehen, wenn meine Kater mal wieder genussvoll – jedenfalls sieht es so aus – eine eben noch lebendige Maus verspeisen – und in meinen Geschichten geschehen immer wieder gewaltsame Dinge. Ganz ehrlich, diese Diskrepanz kann ich mir bis dato nicht erklären, aber langsam nehme ich es einfach so hin. Wenn ich mal viel Zeit habe (und philosphisch gestimmt bin), werde ich mal wieder versuchen, der Ursache auf den Grund zu gehen, aber vorerst nicht. Schätze aber auch, es hat i-was mit Verarbeiten zu tun, schließlich begegnet uns die Gewalt ja alltäglich und im Gegensatz zu Filmen habe ich bei Nachrichtensendungen noch keine FSK-Einstufungen gesehen…

    Gefällt 1 Person

  4. Stephen King hat sicher schwere Probleme 🙂 zumindest bin ich von der, in seinen Büchern oft stark vorkommenden perversen Sexualität recht geschockt und überblättere dann auch gern eine Seite oder lasse Absätze aus …. ich mag seine Schreibe – aber teilweise PFUI …

    Ich denke aber dennoch das es ein verarbeitender Prozess ist
    Tolkiens Herr der Ringe sollen wir seinem Einsatz im ersten Weltkrieg verdanken
    Grishams Jury ist einem tatsächlichem Fall nachempfunden, welchen er während seiner Rechtsanwaltszeit erlebt hat …

    Das einzig Bedenkliche hinter all diesen grausamen Geschichten, welche uns den Kopf schütteln lassen oder den Magen umdrehen …. alles was da drin steht passiert in irgendeiner Form wirklich und jeden Tag … Ich denke sie saugen das was um sie passiert auf und geben es anders wieder … So kann man auch in einem Stephen King Monster wie ES einen kranken Typen sehn, der Kinder jagt und ermordet, so wie es in der wirklichen Welt einfach auch viel zu oft passiert …

    Gefällt 1 Person

  5. Also ich finde der Durst nach Gewalt und Leid ist auf einer Linie mit dem Durst nach Sensation.
    Seid ihr schon mal neben jemanden gestanden, der total ausgerastet ist? Und er hat sich mit jemanden total heftig gestritten, geschrien, getobbt, geschlagen? Ich fand so etwas persönlich immer aufregend und habe mich stundenlang mit Freunden darüber unterhalten. Endlich ist mal etwas passiert! Das Ganze geht sogar soweit, in einer deutschen Stadt blockierte eine Zuschauermenge die Rettung, die einem 10-Jährigen, angefahrenen und schwerverletzten Mädchen helfen wollten. Die Leute filmten und fotografierten den Unfallort wie verrückt, anstatt zu helfen.

    Nur weil ich als Schriftsteller jetzt noch viel schlimmere Geschichten schreibe, heißt das ganz und gar nicht, dass ich gestört bin. Es heißt nur, dass ich das Bedürfnis meiner Leser nach Sensation erfülle. Natürlich gibt es viele Leser, die ein „ruhiges Buch“ lesen wollen, also eines indem sich der Plot um das Zwischenmenschliche dreht, zum Beispiel. Wenn dann eine unerwartete Sadisten-/Erotikszene kommt, sind sie oftmals enttäuscht, glaube ich? Klar kann man das auch in so einem Buch als Autor einbauen, aber man sollte schon auf den bisherigen Stil im Buch achten und dementsprechend mehr/weniger Details über so einen sensationellen Vorfall schreiben.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deine ausführliche Antwort.
      Du hast mit dem Aspekt, dass der Mensch Sensation braucht, definitiv recht.
      Im Grunde sind wir Menschen ansich wohl insgesamt auf dem selben Niveau wie die alten Römer, die auch schon zivilisiert waren und trotzdem johlend bei Gladiatorenkämpfen zuschauten.
      Wahrscheinlich ist das ein Bedürfnis, das im Menschen steckt, das er aber immer weniger zeigen darf. Literatur, Filme und Videospiele sind da ein gutes Ventil.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s